Die Pinkel-Pille kommt: ein Joke, eine Innovation oder nur eine Perversion des Geldverdienens?
Pinkeln wird in, denn pinkeln wird süß! Die neuen Glukose-Pusch-Pempers-Pillen gegen Diabetes drängen spätestens 2012 auf den Markt.
Endlich, endlich möchte man rufen! Das Prinzip ist doch uralt. Warum ist denn bis jetzt niemand darauf gekommen? Blutzuckersenkung durch Harnzuckerausscheidung dank häufigem Wasserlassen! Das Prinzip heißt oben rein, unten raus oder „Fallrohr“, wie bei einem schlecht eingestellten Diabetes.
Nur für die Nichteingeweihten: Glukose wird vorrangig über die Nieren ausgeschieden. Dabei bindet jedes Molekül Glukose viele Moleküle Wasser, damit der hohe Zucker auch elegant über die Nieren ausgeschieden werden kann. Die Folge ist, dass über einen langen Zeitraum der Zucker scheinbar in „normalen“ Grenzen bleibt. Obwohl man ungehindert isst, nimmt man sogar an Gewicht ab.
Die Symptome Glukosurie und Polyurie werden also demnächst Therapieprinzip!
Das funktioniert dann so: Der menschliche Körper produziert am Tag durchschnittlich 180 Liter Primärharn, um unerwünschte Stoffe oder krankhaft erhöhte Bestandteile aus dem Blut zu entfernen. Ca. 90-99% der Flüssigkeit wird rückresorbiert und speziell für Glukose und Natrium sorgen die sogenannten Natrium abhängigen Glukose-Co-Transporter (SGLT-Transporter) dafür, dass ausreichend Natrium und Glukose in das Blut zurück transportiert wird. Aktuell werden zwei SGLT-Transporter unterschieden: SGLT-1 und SGLT-2. Der SGLT-2-Transporter wird vorrangig in der Niere gefunden (By the way: vorrangig heißt, dass dieser Transporter auch woanders nachgewiesen werden kann. So zum Beispiel in der Placenta, also kurz in der Schwangerschaft). Ist dieser SGLT-2-Transporter blockiert, wird überdimensioniert Glukose und Natrium aber auch Wasser ausgeschieden. Die SGLT-1 Transporter versuchen dagegen zu steuern, sind aber aufgrund ihres Minderheitenstatus nicht in der Lage, sowohl Glukose, Natrium als auch Flüssigkeit in ausgeglichener, gesunder Form zurück zu resorbieren. Die Folgen sind viel und häufiges Wasserlassen (nennt man Zwangsdiurese bzw. Polyurie) mit stärkerer oder geringerer Glukosekonzentration, also in Abhängigkeit von der Blutglukosekonzentration zwischen dem aktuellen und letzten Urinieren.
Genüsslich essen und beim Wasserlassen einfach wieder raus damit. Das sollte der Traum für jeden T2DM sein, zumal zusätzlich eine Gewichtsabnahme nachweisbar sein wird. AstraZenica, Bristol-Myers Squibb, Boehringer Ingelheim und noch anderen forschenden Pharmaunternehmen sei unendlich Dank dafür, dass sie es wagten, sich hier forschungsmäßig zu engagieren.
Nein, Spass beiseite, die Perversion kennt keine Grenzen.
Wie lautete es auf einer Pressekonferenz 2008 zu den SGLT-2-Hemmern so schön: „Wir haben 2001 mit der Erforschung neuer Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit Diabetes Typ 2 begonnen und jetzt trägt diese Arbeit Früchte", erläutert Prof. Klaus Dugi, Leiter Corporate Department Medical Affairs, Boehringer Ingelheim GmbH. "Das ist besonders von Bedeutung, da Patienten, trotz der Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten, noch immer häufig Probleme mit Unverträglichkeiten haben."
Welch ein Unsinn, denn diese neue Medikamentenklasse wird nur so strotzen vor Unverträglichkeiten und Nebenwirkungen. Nicht immer sofort und schon gar nicht in den Zulassungsstudien, die ja bekanntermaßen nur über wenige Wochen dokumentiert werden müssen. Da wird stolz berichtet, dass innerhalb von 12 Wochen Anwendungsdauer keine persistierenden (dauerhaften) klinisch signifikanten Veränderungen an den Nieren nachweisbar waren. Nur Pilzinfektionen im Genitalbereich und Harnwegsinfektionen. Aber was sind schon 12 Wochen im Leben eines Diabeteserkrankten?
Die aktuell zu erwartenden (oder bereits in den Studien nachgewiesenen) Vor- und Nachteile haben wir daher in einer Abbildung dargestellt.
Unser Rat:
Besorgen Sie sich eine transportable Toilette oder Pempers. Halten Sie Ausschau nach einem guten Gynäkologen oder Urologen, wenn es beim Wasserlassen brennt. Die Ursache könnten Pilze oder Bakterien sein, die sich besonders gern in zuckerhaltigen Lösungen ansiedeln. Lassen Sie engmaschig Ihre Nierenfunktion kontrollieren, insbesondere dann, wenn Sie ein derartiges Medikament über einen langen Zeitraum einnehmen sollten, denn chronische Nierenentzündungen entstehen erst über Jahre!
Schlicht: seien Sie vorsichtig, wenn Ihnen jemand erzählt, dass es endlich DIE Pille gibt, mit der man den Zucker senkt und an Gewicht abnimmt.
Mögliche Substanzen: Canegliflozin, Dapagliflozin, Remogliflozin, Sergliflozin