21.02.2011 | Dr. Elke Austenat
Ernährungstipps bei Diabetes
Essen und Trinken zählen zu den angenehmsten Beschäftigungen auf der Welt, da sind sich alle Menschen einig. Die Vielfalt an Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten ist unübersehbar und nimmt durch länderspezifische Zubereitungen nicht mehr überschaubare Dimensionen an. Für Diabeteserkrankte dennoch kein Grund davon ausgeschlossen zu sein, wenn sie wissen wie die Berechnung der Ernährung durchgeführt wird. Bevor nachfolgend praktische Tipps gegeben werden jedoch eine grundsätzliche Bemerkung.Nichtdiabetiker können zwar alles essen, da die Regelung der Blutglukose praktisch „automatisch“ abläuft. Sie müssen sich also keine Gedanken wie ein Diabeteserkrankter darüber machen, welche Auswirkungen die Mahlzeit auf die Höhe des Blutzuckers hat.
In der Menge der Nahrungszufuhr aber auch alkoholischer Getränke, gilt allerdings die gleiche Einschränkung für alle Menschen, egal ob mit oder ohne Diabetes. Wer sich verstärkt körperlich bewegt, kann halt mehr essen, und wer nur rum sitzt, darf nur wenige Kalorien zu sich nehmen, sonst wird er dick. Wenn man das als absolute Grundlage verinnerlicht, kann auch ein Diabeteserkrankter an den leiblichen Genüssen uneingeschränkt teilhaben, sofern sich nicht aus anderen Erkrankungen oder Folgeeinschränkungen Diätvorschriften zwangsläufig als zwingend ergeben (Beispiel: Restriktion von z.B. Eiweiß, kaliumhaltigen Nahrungsmitteln im Rahmen einer Niereninsuffizienz; Glutenunverträglichkeit).
Doch nun direkt zu einigen praktischen Tipps der Ernährung bei Diabetes:
Jeder Diabeteserkrankte muss einschätzen lernen, welche Auswirkung die Mahlzeit auf seine postprandiale Blutglukose hat (Bluglukose 1- 2 Stunden nach dem Essen).
Für Insulinspritzende oder Typ-2-DM, die insulinotrope, schnell wirksame oAD (Glinide = Starlix®, NovoNorm®) nehmen, ist es ein absolutes Muss, sich diese Kenntnisse anzueignen. Denn es gilt nach wie vor für alle Insuline, inklusive der Insulin-Analoga und Glinide: die Nahrungsaufnahme muss sich an der Insulinkinetik oder der Freisetzung von körpereigenem Insulin orientieren, um Hyper- und Hypoglykämien zu vermeiden.
Das Spritzen von Insulin oder die Einnahme von Gliniden muss immer durch zeitgerechte Aufnahme von Kohlenhydraten bedient werden. Ausnahme ist das angepasste Spritzen von Insulinkorrektureinheiten bei einer Hyperglykämie. Dieser zwingende Handlungsbedarf ist nicht bei Betroffenen gegeben, die Metformin, Glitazone oder ein Langzeitanalogon bekommen, da diese Medikamente den Blutzucker nach einer Mahlzeit nicht beeinflussen. Das heißt also, keine postprandialen Hypoglykämien auslösen können, aber im Umkehrschluss auch keine postprandialen Hyperglykämie bei übermäßiger Zufuhr von Kohlenhydraten vermeiden.
Weltweit wird die Kohlenhydratmenge eines Nahrungsmittels entweder auf die BE (Berechnungseinheit mit 12 g KH) oder auf die KHE mit 10 g Kohlenhydraten bezogen. In der praktischen Umsetzung ist der Unterschied für die meisten Nahrungsmittel marginal. Die BE oder KHE ist somit eine Äquivalenzberechnung an Kohlenhydraten für die einzelnen Nahrungsmittel. Wie das geht, ist in dem Ernährungslexikon „Gut Essen- auch bei Diabetes" detailliert dargestellt. Die Vorteile dieser Vorgehensweise liegen auf der Hand. Der Ungeübte erhält einen großen Erfahrungsschatz an Stereotypien in der täglichen Handhabung und somit auch eine gewisse Verlässlichkeit der Auswirkungen seines Handelns. Aber auch bei Entgleisungen des Stoffwechsel ist es hilfreich, um diesen schnell wieder zur Norm zu bringen, eine strikte KH-Berechnung einzuhalten.
Praktisch bedeutet das für den Unerfahrenen: zu Hause die Grundnahrungsmittel abwiegen, Auge für die Größe der Grundnahrungsmittel schulen, im Restaurant das geschulte Augenmaß nutzen, um die Menge der KH einzuschätzen (z.B. Kartoffeln, Reis, Nudeln, Brot).
Die BE/KHE-Berechnung gibt jedoch keine Auskunft über die Schnelligkeit des Anstieges der Blutglukose. Das wird durch den GI-Index (Glykämie-Index), der Resorptionsgeschwindigkeit von Nahrungsmitteln berechnet. Diese Angaben und auch der Kaloriengehalt sind desgleichen im Ernährungslexikon enthalten.
Praktisch wichtig zu wissen ist, dass ein hoher GI immer einen schnellen BZ-Anstieg verursacht. BE/KHE und GI müssen nicht deckungsgleich sein. Die für mich praktisch vor vielen Jahren gewonnene Erfahrung bei einem Patienten war die Einweisung in unsere Klinik mit einer schweren Hypoglykämie nach dem Essen von Linsen. Linsen haben einen relativ hohen BE-Gehalt,jedoch nur einen geringen GI (was man damals noch nicht wusste) und galten über Jahrzehnte als verboten. Linsen steigern also nur ganz langsam den Blutzucker.
Der Verzehr von Nahrungsmitteln mit einem hohen GI setzt in der Regel voraus, das der Diabeteserkrankte ein Therapieregime hat, dass eine schnelle Blutzuckerbeeinflussung erlaubt. Dazu gehören bei den oAD die Glinide, bei den Insulintherapieverfahren die ICT (am besten mit Kurzzeit-Analoga) aber vor allem die Insulinpumpentherapie, die die größte Spontanität und Flexibilität, nicht nur im Essen, erlaubt.
Bei Patienten mit einer CT muss die Ernährung in konstanten Mahlzeiten eingenommen werden. Die BE's müssen korrekt eingehalten werden und Nahrungsmittel mit einem hohen GI sind desgleichen stereotyp (z. B. Obst) am Tag vorgegeben.
Die praktische Faustregel für den GI-Index heißt: je höher der Verarbeitungsgrad eines Nahrungsmittel (z.B. weißes Mehl statt Vollkornmehl, Kartoffelbrei statt Pellkartoffel, Obstsäfte statt Obst) desto höher der GI, desto schneller der Blutglukoseanstieg.
Wenn die reinen Grundnahrungsmittel mit zusätzlichen Dingen umhüllt, eingewickelt oder vermengt sind, verändert sich das Verhalten auf den Blutzucker noch einmal. In diesem Fall spricht man von der GL = Glykämischen Last. Als klassisches Beispiel dient hier die Schokolade. Reiner Zucker geht schneller in das Blut als Zucker, in welcher wundervollen Form dieser auch immer von Fett und Kakao umhüllt ist. Wichtig immer dann zu wissen, wenn man eine sich anbahnende Hypoglykämie statt mit Traubenzucker mit einer Praline abfangen will.
Es kommen immer wieder Anfragen zum Alkohol
Alkohol in vernünftigem Maß ist auch bei Diabetes erlaubt. Vernünftig erklärt sich von selbst - jeder kennt den Unterschied zwischen Alkoholgenuss und Alkoholismus.
Gut sind alle alkoholischen Getränke, die nicht übermäßige Restsüße enthalten. Somit sollten süße Weine, aber auch Liköre und Cocktails, möglichst vermieden werden. Die Auswirkungen auf den Blutzuckerverlauf sind stärker und zumeist weniger berechenbar. Vorsicht ist auch bei konzentrierten Alkoholika (Digestiva, Cognac, Whiskey, Grappa etc.) in größeren Mengen geboten, da die Gefahr einer Hypoglykämie deutlich erhöht wird.
Zu empfehlen sind trockene Weine, Sekt und auch Bier - wie gesagt in Maßen. Das nicht nur wegen der Gefahr einer Hypoglykämie, sondern auch wegen des hohen Kaloriengehaltes (1 g = 7,1 kcal).
Generell bleibt festzuhalten, dass das Auslösen und/oder die Schwere einer Hypoglykämie von der Menge (= Konzentration) des Alkohols abhängig ist. Dabei ist besonders zu beachten, dass übermäßiger Alkoholkonsum zur späten Abendzeit vor allem nächtliche Hypoglykämien, die überschlafen werden, provozieren kann. In jedem Fall sollte vor dem Zubettgehen noch eine Blutzuckerkontrolle vorgenommen und auch eine kleine Mahlzeit eingenommen werden. Diese Spät-BE sollte einen niedrigen GI haben, da erfahrungsgemäß der Blutzucker erst nach ca. 3- 4 Stunden durchschnittlich fällt. Die Russen haben dafür ein probates Mittel - etwas trocken Brot mit Speck.
Bei hyperglykämischer Stoffwechsellage kann Alkohol zu ketoazidotischen Entgleisungen (DKA) bei Typ-1-Diabetes führen, wie 1981 Jenkins nachweisen konnte. Also bei hohen Blutzuckern sollte Alkohol gemieden werden, bis eine Normalisierung der Stoffwechsellage eingetreten ist.