Zielwerte bei Diabetes mellitus und deren Kontrollnotwendigkeit
Manchmal ist es gut nur so dahin zu segeln. Aber von jedem Kapitän erwarten wir, dass er den richtigen Kurs kennt und wann Kontrollen erforderlich sind, damit das Boot nicht leckt oder zur Unzeit kentert.
1. Kapitän des Bootes „Diabetes“ ist der Betroffene. Vertraue, aber prüfe nach!
Blutzuckerwerte außerhalb einer gesunden Norm kann man nicht fühlen. Im Regelfall werden auch keinerlei körperliche Symptome signalisiert. Daher sind Fehleinschätzungen der tatsächlichen Situation, ohne Kenntnis der Zielstellungen und der Überprüfung (Kontrolle) des tatsächlich Gegebenen, gar nicht so selten. Das wohl beeindruckendste Erlebnis war eine junge, intelligente Frau mit einem Typ 1 Diabetes, die wegen eines Führerscheingutachtens die Konsultation wünschte, meinte ihren Zucker habe sie gut im Griff (schließlich kenne sie sich sehr genau) und die HbA 1c- Kontrolle sprengte nahezu unseren HPLC-Laborautomaten mit einem Wert von 27%.
Es gilt festzuhalten:
- In der Regel können nur schnelle Schwankungen in größeren Dimensionen bzw. die Entwicklung einer Akutentgleisung seitens des Betroffenen wahrgenommen werden.
- Der Stoffwechsel ist keine statische Größe, sondern wird durch nahezu sämtliche Einflüsse von außen, aber auch durch körpereigene Prozesse und auch jahreszeitliche Schwankungen dynamisch verändert.
2. Grundlegende Zielstellungen zur Vermeidung von Komplikationen
Der Nüchternblutzucker (Nü-BZ, FBG) sollte die 100 mg/dl (5,5 mmol/l) im Regelfall nicht übersteigen. Die postprandialen Werte (1 - 2 Stunden nach einer Mahlzeit gemessen) sollten sich unter 135 mg/dl (< 7,5 mmol/l) bewegen. Bei einem HbA1c-Wert unter 6,5% besteht das geringste Risiko für Folgeerkrankungen durch den Diabetes. Zusätzliche Risikofaktoren, die die Entwicklung von Gefäßerkrankungen potenzieren können, sind ein hoher Blutdruck, Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen. Daher gelten auch hier Zielwerte. Der Blutdruck sollte im Mittel unter 135/85 mmHg liegen. Der Body-Maß-Index zwischen 20 - 25. Bei den Fettwerten sind von besonderer Bedeutung die Triglyceride (Zielwert: < 180 mg/dl = < 1,7 mmol/l), LDL-C (Zielwert: < 100 mg/dl = < 3,0 mmol/l). Das Gesamtcholesterin sollte die 200 mg/dl (5,1 mmol/l) nicht übersteigen. Die alleinige Bestimmung des Cholesterins ist jedoch in Bezug auf das kardio-vaskuläre Risiko nicht aussagekräftig.
3. Kontrollen (ein Team: Diabeteserkrankter plus versierter Arzt mit seinen Mitarbeitern)
Kontrolluntersuchungen können in unterschiedliche Klassen aufgeteilt werden. Da sind zunächst die Kontrollen mit einer sogenannten Stellvertreterfunktion, international auch als „surrogat parameter“ bezeichnet. Diese gelten als Risikofaktoren für die Entwicklung von Komplikationen. Dazu zählen vorrangig Laborkontrollen, Blutdruckerhebung und Messen des Körpergewichtes. Diese Kontrollen müssen durch Untersuchungen ergänzt werden, die dem direkten Ausschluss einer Organbeeinträchtigung dienen. Dazu zählen körperliche Gesamtuntersuchungen, aber auch Untersuchungen einzelner Körperregionen oder Organe. Die Häufigkeit der Kontrolluntersuchungen ist individuell verschieden und hängt zum einem davon ab, welches diabetologische Theapieregime der einzelne anwendet, und ob bereits körperliche Beeinträchtigungen vorliegen.
Wer macht was, ist eine weitere Unterteilung für Kontrollen. Der Betroffene selbst, sofern er dazu befähigt werden kann, führt Blutzucker-, ggf. Harnzucker- und Acetonkontrollen, aber auch Blutdruckmessungen, Körpergewichtskontrollen und Inspektionen des Körpers durch.
Weiterführenden Untersuchungen gehören in die Hände eines medizinisch, diabetologisch-versierten Teams. Dazu zählen u.a. Laborbestimmungen wie HbA1c, Blutbild, Fett-, Leber- und Nierenparameter sowie spezielle apparative Erhebungen aber auch die professionelle Untersuchung des Körpers oder einzelner Organbereiche.
Der Trend zur Selbstmessung nimmt zu und das ist auch richtig so.
Selbstmessungen werden auch für Cholesterin angeboten, erfordern aber eine exakte Durchführung und intensive Schulung. Cholesterinbestimmungen unterliegen nicht nur in Deutschland für Labore einer externen Qualitätskontrolle, da die pathologischen Referenzbereiche (Vergleichsuntersuchungen) wechseln. Gerade beim Cholesterin wurden die Referenzbereiche in den letzten Jahren mehrfach neu definiert. Also schlicht zusammengefasst heißt das, was ist beim Cholesterin normal? Vor allem wann! Nüchtern ist der Cholesterinspiegel niedriger als nach Mahlzeiten und auch unter negativen Stresssituationen. Selbstmessungen des Cholesterinwertes wahllos und nicht im Kontext zu betrachten, ist somit nicht besonders aussagekräftig. Daher sollte bei erhöhten Werten durch eine Selbstmessung (oder Messung in einer Apotheke), das Ergebnis mit dem Arzt besprochen werden und unter standardisierten Bedingungen (12-16 Stunden ohne Nahrungsaufnahme und möglichst ohne Stress) wiederholt werden. Es ist also unsinnig, den Cholesterinwert ähnlich häufig wie den Blutzucker selbst zu kontrollieren - aktuell für die Mehrzahl der Diabeteserkrankten nur rausgeworfenes Geld.
Wichtige praktische Erfahrung belegen:
Eine ausschließliche Selbstbehandlung oder Verbleiben bei einem Arzt, nur um sich Rezepte verschreiben zu lassen bzw. ihm nachzuweisen, dass er keine Ahnung vom Diabetes hat, ist nur in den seltensten Fällen für einen guten Verlauf des Diabetes hilfreich. Es liegt leider in der Natur des Menschen, dass Emotionen die Sicht des Realen all zu oft beeinträchtigen und daraus Fehlentscheidungen resultieren. Es fehlt an der nötigen Distanz der objektiven Wertung der erhobenen Befunde. Das geht auch Medizinern so, wenn sie Patienten werden. Daher: wenn der Arzt überfordert ist, nicht hilfreich, dann sollte der Arzt gewechselt werden. Ist es das richtige medizinische Team, dankt es nicht nur der Körper, sondern unterstützt auch die Seele, dass man sich auf dem richtigen Weg befindet.