Diabetische Neuropathie
Im Gegensatz zu den Spätkomplikationen an Augen und Nieren können die Nervenschädigungen schon nach kurzer Krankheitsdauer auftreten. Mitunter führen die Beinbeschwerden den Patienten zum Arzt, der dann erst die Diagnose Diabetes mellitus stellt.
Symptome
Initialsymptome:
Kribbeln, Schmerz, Taubheitsgefühle in den Zehen und Füßen. Nächtliches Brennen der Fußsohle, Wadenkrämpfe und Schmerzen in den Unterschenkeln. Ganz typisch ist, dass in der Wärme unter der Bettdecke die Schmerzen oft unerträglich werden (Allodynie) und beim Aufspringen aus dem Bett und herumlaufen geringer werden.
Mit Fortschreiten der Erkrankung ändern sich die Symptome.
Es dominieren dann vorwiegend Gefühlsstörungen bis hin zur völligen Empfindungslosigkeit gegenüber Schmerzen. Dieses kann zu gefährlichen Verletzungen führen! Kleinste Verletzungen werden nicht mehr bemerkt, so zum Beispiel bei der Fußpflege, beim Barfußlaufen oder Verbrennungen bei zu heißen Fußbädern.
Durch die zumeist nachgewiesene gestörte Schweißbildung kann trockene, spröde Haut mit Rissen auftreten. Ein weiteres Symptom ist die verstärkte Bildung von Hornhaut, die zumeist durch zu enges, drückendes Schuhwerk hervorgerufen wird.
Unbemerkte, auch kleinste Verletzungen, trockene, rissige Haut und borkige Hornhaut mit Rissen fördern das Eindringen von Bakterien und sind die Ursache für Entzündungen, letztendlich die Entstehung des sogenannten „diabetischen Fußsyndroms“.
Die Symptome treten nicht immer alle bei jedem Patienten auf und sind auch in ihrer Ausdehnung unterschiedlich.
Gefahren
Die diabetische Nervenschädigung ist somit für die Entstehung der diabetischen Fußschäden von besonderer Bedeutung.
Verlust der Schmerzempfindung führt dazu, dass selbst kleine Bagatellverletzungen sich durch Infektion entzünden und zu eitrigen Geschwüren im Bereich des Fußes führen („Mal perforant“).
Das Zusammenspiel der Muskeln der Füße ist gestört, dass Empfinden für Druckbelastung (z. B. zu enge Schuhe) fehlt, so dass auch dadurch „Druckgeschwüre“ auftreten.
Muskelstörungen und Muskelschrumpfungen treten im weiteren Verlauf auf, so dass Fehlstellungen im Fußgewölbe bis hin zu Skelettveränderungen die Folge sind.
Alle diese Ursachen führen zu den gefürchteten, da schwer heilenden, Geschwüren am Fuß, die im äußersten Fall zur Amputation führen.
Ursachen
Was wirklich am Nerven geschädigt wird, ist bis heute im Detail nicht bekannt. Es wird eine Kombination aus toxisch- metabolischer Schädigung der Nervenfasern selbst (Axondegeneration und -regeneration, Demyelinisierung und Remyelinisierung) gefunden, aber auch eine Schädigung der kleinsten Gefäße, die für die Versorgung der Nerven verantwortlich sind (kapillare Verschlüsse der sogenannten Vasa nervorum).
Bekannt hingegen sind die begünstigenden Faktoren, die zur Veränderung der „Nervengefäße“ und der Nerven selbst führen.
Beim Diabetes ist die Hauptursache der schlecht eingestellte diabetische Stoffwechsel. Hohe Blutglukose ist dabei selbst ein Toxin. Gleichzeitig wird aber über die Initialisierung anderer Kohlenhydratstoffwechselwege im Körper (Sorbitol- und Myoinositolmetabolismus) vermehrt Sorbitol gebildet. Sorbitol ist bei Verzehr von mehr als 20g /Tag nicht nur Durchfall fördernd, sondern auch ein metabolisches Gift für die Nerven.
Zusätzliche schädigende Faktoren können die Entstehung der diabetischen Neuropathie fördern: dazu gehören u.a. übermäßiger Alkoholkonsum, Nikotin, Vitaminmangel, Bluthochdruck, Lebererkrankungen, Wirbelsäulenerkrankungen, die die peripheren Nerven beeinträchtigen (z.B. kleinere Bandscheibenprotrusionen) aber auch die Einnahme von Medikamenten und der übermäßige Verzehr von Zuckeraustauschstoffen wie Sorbitol.
Diagnostik
Eine gut fundierte Diagnostik beginnt immer mit einer Befragung, nicht nur der Symptome, sondern speziell auch der Eruierung zusätzlicher Faktoren, die die Neuropathie begünstigen oder auslösen können. Toxine oder auch Medikamente, die Neuropathien begünstigen können, sollten abgesetzt oder weggelassen werden.
Der behandelnde Arzt sollte mindestens 1x jährlich die Füße und Beine auf Nervenschädigungen überprüfen. Dazu gehören Prüfung des Vibrationsempfindens mit der Stimmgabel, der Temperaturempfindung und des Berührungsempfindens als Mindestanforderung.
Auch der Betroffene selbst kann mithelfen, indem er seine Füße täglich betrachtet, notfalls mit einem Spiegel, und schon kleine Verletzungen oder Druckstellen seinem Arzt zeigt und natürlich bei sich anbahnenden Symptomen, diese sofort seinem Arzt mitteilt.
Weiterführende Diagnostik sind u.a. elektrophysiologische Messungen der sensorischen und motorischen Nervenleitgeschwindigkeit (NLG, EMG) sowie Nerven-suralis Biopsien. Diese Untersuchungsmethoden dienen jedoch häufiger Forschungszwecken und weniger dem Patienten. Sie sind zumeist nicht wirklich aussagefähiger als die eingehende körperliche Untersuchung.
Mitunter ist es sinnvoll einen Mineral- und Vitaminstatus (Zink und B-Vitamine, B12, Folsäure) im Labor bestimmen zu lassen. Vitamin C Bestimmungen sind in der Regel nicht sinnvoll, da der Gehalt an Vitamin C in Abhängigkeit zur körperlichen Belastung massiv wechselt.
Grundsätzlich muss der Arzt jedoch auch andere Erkrankungen immer in Erwägung ziehen. Ganz besonders dann, wenn trotz Optimierung des Stoffwechsel und der unten angegebenen Medikamente sowie Weglassen von schädigenden zusätzlichen Faktoren keine Besserung erzielt werden kann. Dazu gehören Erkrankungen der Wirbelsäulen, neurologische Systemerkrankungen. In diesen Fällen sind weiterführende Untersuchungen zwingend angesagt.
Die Behandlung der diabetischen Polyneuropathie
Die Nummer Eins und das Allerwichtigste ist die Optimierung des diabetischen Stoffwechsels mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sofern nicht bereits eine intensivierte Insulintherapie durchgeführt wird, die es zu optimieren gilt, sollte eine ICT oder auch CSII eingeleitet werden. Denn der schlecht eingestellte Diabetes ist die Ursache, das Übel muss an der Wurzel gepackt werden! Große Studien belegen, dass sich das Risiko einer diabetischen Nervenschädigung durch eine gute Diabeteseinstellung um 69 % reduzieren lässt und eine Verschlechterung einer bereits bestehenden peripher sensiblen Neuropathie um 57% verringern lässt.
Ein Wort zu den zusätzlich verstärkenden Faktoren:
Alkohol sollte im Stadium eines akuten Schubes einer Neuropathie vollständig weggelassen werden. Sofern die Symptomatik komplett beseitigt wird, dann Alkoholgenuss in vernünftigen Maßen.
Sofern ein Bluthochdruck vorliegt, ist dieser einzustellen. Bei Diabetes, wenn möglich Werte unter 130/80mmHg erreichen.
Das Rauchen sollte aufgegeben werden.
Zuckeraustauschstoffe oder Zuckerersatzstoff sollten nicht genommen werden. Sind ohnehin nicht nützlich, sondern eher schädlich.
Mitunter kann auch das orale Antidiabetikum Metformin (Biguanid) Vitamin 12 Mangelzustände hervorrufen und somit Neuropathien begünstigen. Metformin ist dann durch ein anderes Antidiabetikum zu ersetzen.
Körperliche Bewegung ist auch bei der Vorbeugung oder der Behandlung der Neuropathie sinnvoll. Die Durchblutung wird gefördert und somit auch die Durchblutung der peripheren Nerven. Kurz: Just now walk!
Interessant sind auch die Beobachtungen, dass Diabeteserkrankte, die massiv schnell abnehmen, häufig Neuropathien entwickeln. Dies kann mitunter auch bei einem frisch manifestierten Diabetes auftreten (vor der Behandlung) aber auch bei unzureichend mit oAD Behandelten. Sofern sich das Körpergewicht wieder normalisiert (unter der Insulinbehandlung) verschwinden auch die Symptome der Neuropathie.
Medikamentöse Behandlung
Es gibt natürlich zusätzliche Medikamente, die eine deutliche Verbesserung der Neuropathie erzielen können. Hier spricht man von der Verordnung sogenannter Antioxidantien. Dazu gehören u.a. Alpha-Liponsäure, anfangs als Infusionen, später als -Tablettenbehandlung. Zusätzlich hochdosierte Vitamingaben: fettlösliche Vitamin B 1, B6 und B12-Präparate, Folsäure und Vitamin C. Diese findet man unter dem Stichwort Nahrungsergänzungsmittel. Zusätzlich vitamin- und mineralstoffreiche Ernährung durchführen (heißt im Klartext: Obst-und Gemüse der Region zu essen).
Bei starken Schmerzen sind Schmerzmittel und Antidepressiva erforderlich, jedoch nicht als Basistherapeutikum und schon gar nicht als Dauermittel. Dies sollte nur in begründeten Ausnahmefällen angezeigt sein und einer ständigen Überprüfung unterliegen, ob noch sinnvoll.