KLASSIFIKATION DIABETES
Die von der amerikanischen Diabetes Gesellschaft (ADA) verabschiedete Klassifikation wurde 1998 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und 2000 von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) übernommen. Sie soll den Versuch darstellen, den Diabetes nach seiner Ursache einzuteilen – was teilweise geglückt ist, aber leider nicht in den beiden Hauptklassen. Die Ursache dafür ist schlicht, dass die Ursachen der Entstehung des Diabetes mellitus nicht bekannt sind. Wir werden hier nicht auf jede Form speziell eingehen, sondern wichtige Aspekte herausstellen.
Zuerst einmal die Gruppe I und Gruppe II:
I. Typ 1 Diabetes
ß-Zell-Destruktion, die normalerweise zum absoluten Insulinmangel führt
A: immunologisch vermittelt B: idiopathisch
II. Typ 2 Diabetes
von vorwiegender Insulinresistenz mit relativem Insulinmangel bis
vorwiegend sekretorischem Defekt mit Insulinresistenz
Kommentar zur Gruppe I und II:
Die Schreibweise des Typ 1 und des Typ 2 Diabetes wird seit 1997 mit arabischen Zahlen vorgenommen (also 1 oder 2) und nicht wie in der Vorgängerklassifikation mit römischen Ziffern (also I oder II).
Dies ist sicher nur ein kleiner Hinweis, aber praktisch kann das für jeden Betroffenen von Bedeutung sein. Wenn Ihr Arzt oder ein behandelndes Krankenhaus die alte Schreibweise benutzt, kann das heißen: keine Ahnung vom Diabetes oder schusselig oder total überlastet. Es ist sicher nur ein kleines Indiz, aber es sollte schon die Aufmerksamkeit wecken, dass es sich bei diesem Arzt vielleicht nicht um die Fachkompetenz handelt, bei der eine optimale Betreuung des Diabetes gegeben ist.Der Typ 1 Diabetes wird bei ca. 5 – 15% aller Diabeteserkrankten diagnostiziert. Allein an der Abweichung dieser Prozentzahlen kann man erkennen, dass wir eigentlich nicht so recht wissen, wie häufig der Typ 1 Diabetes vorkommt.
Typ 1A Diabetes steht für immunologisch vermittelt. Immunologie kommt aus dem lateinisch-griechischen und bedeutet soviel wie Reaktionen auf einen Organismus auf das Eindringen köperfremder Substanzen. Zahlreiche chromosomale Regionen (bisher mehr als 20) sind an der Entwicklung des Typ 1 Diabetes beteilt. Die HLA Region, die am Chromosom 6 lokalisiert ist (human leucocyte antigen) scheint hier von besonderer Bedeutung zu sein (u.a. DR2, DR4, DQ Gen X). Und dennoch wissen wir nicht, wie die Erkrankung ausgelöst wird. Die genetische Konstellation plus einer gestörten Immunantwort auf Umweltreize fördern den Ausbruch der Erkrankung.
Der Typ 1B wird als idiopathisch bezeichnet und bedeutet schlicht und ergreifend – wir haben keine Ahnung über die auslösenden Ursachen.
Der Typ 2 Diabetes stellt mit 85 – 90% weltweit den größten Anteil der Diabeteserkrankten. Auch hier finden sich genetische Hinweise auf die Überforderung des Körpers durch die Umwelt. Dazu zählen u.a. so komplizierte Abkürzungen wie TCF7L2 Gene, KCNJ11 Gene, hohe Aktivitäten an PC-1 Gen oder PPAR-Gamma Gen und CAPN10 (calpin 10-Gen). Menschen mit diesen genetischen Dispositionen und Übergewicht sowie einem hohen Nüchtern-Blutzucker, haben ein annährend 21fach höheres Risiko einen Typ 2 Diabetes zu entwickeln.
Insulinresistenz beim Typ 2 Diabetes bedeutet, dass der Zucker nicht in die peripheren Zellen transportiert werden kann und eine Hyperglykämie nachweisbar ist. Im Vorstadium der Erkrankung und zumeist auch noch in den ersten Jahren wird sogar eine überschießende Insulinproduktion festgestellt. Im weiteren Verlauf reduziert sich jedoch die Insulinproduktion der B-Zellen, die Insulinresistenz aber ist zumeist weiterhin nachweisbar.
Kurze Zusammenfassung:
Beide Haupt-Typen des Diabetes mellitus haben eine genetische Veranlagung für die Erkrankung. Ein Faktum, das bereits seit dem 17. Jahrhundert beschrieben wurde.
Das komplizierte genetische Puzzle ist weder beim Typ 1, noch bei Typ 2 Diabetes gelöst. Beim Typ 1 Diabetes laufen schon seit vielen Jahren Präventionsstudien, leider nur mit mäßigem oder keinem Erfolg. Beim Typ 2 Diabetes hingegen kann durch eine vorbeugende Lebensweise der Ausbruch der Erkrankung nachweislich reduziert werden – Bewegung, normales Körpergewicht und eine glückliche Seele sind dafür die Basis. Ist die Erkrankung ausgebrochen, egal ob Typ 1 oder Typ 2, dann bleibt in der Regel nur die medikamentöse Behandlung. Der Facettenreichtum bei der Therapie des Typ 2 ist ungleich größer (Tabletten und Insulin). Beim Typ 1 ist die Gabe von Insulin die einzige Möglichkeit der Therapie.
III. andere spezifische Typen
A: Genetische Defekte der ß-Zelle
1. Chromosom 12, HNF-1 alpha (entspricht MODY 3)
2. Chromosom 7, Glukokinase (entspricht MODY 2)
3. Chromosom 20, HNF- 4 alpha (entspricht MODY 1)
4. Mitochondrale DNA
5. andere
B: Genetische Defekte der Insulin-Wirkung
1. Typ -A-Insulinresistenz
2. Leprechaunismus
3. Rabson-Mendenhall-Syndrom
4. Lipatrophischer Diabetes
C) Krankheiten des exokrinen Pankreas
1. Pankreatitis
2. Trauma /Pankreatektomie
3. Neoplasie
4. Cystische Fibrose
5. Hämochromatose
6. Fibrosierende, verkalkende Pankreatitis
(Fibrocalculous pancreaopathy - FCPD)
7. andere
D. Endokrinopathien
1. Akromegalie
2. Cushing-Syndrom
3. Glucagenom
4. Phäochromozytom
5. Hyperthyreoidismus
6. Somatostatinom
7. Aldosteronom
E) Drogen-oder Chemikalien induziert
1. Adrenokortikotropin
2. alpha- Interferon
3. Chlorthalidon
4. Clonidin
5. Diphenylhydantoin (Dilantin)
6. Diazozid (Hyperstat, Proglycem)
7. Desipramin
8. Epinephrine (Adrenalin Chlorid)
9. Furosemid (Lasix)
10. Glucagon
11. Glucokortikoide
12. Haloperidol (Haldol bei Dauerverordnung)
13. Imipramin
14. Indometacin
15. Isoproterenol
16. Levodopa
17. Lithiumcarbonat
18. Nikotinsäure
19. orale Kontrazeptiva
20. Pentamidin
21. Phenothiazin
22. Schilddrüsenhormone (in toxischer Dosierung)
23. Somatotropin
24. Thiazide
25. Vacor
26. andere
F) Infektionen
1. Congenitale Rötelinfektionen
2. Zytomegalievirus
3. andere
G) Seltene Formen eines immunologisch vermittelten Diabetes
1. Anti-Insulin-Rezeptor-Antikörper
2. Kongenitale Lipodystrophie
3. andere
H) andere genetische Syndrome ,
die gelegentliche mit Diabetes vergesellschaftet sind
1. Akute intermittierende Porphyrie
2. Chorea Huntington
3. Down-Syndrom
4. Friedreich-Ataxie
5. Klinefelter-Syndrom
6. Lawrence-Moon-Biedel-Syndrom
7. Myotone Dystrophie
8. Prader-Willi-Syndrom
9. Turner-Syndrom
10. Wolfram-Syndrom
11. andere
Kommentar zur Gruppe III:
Die Gruppe III ist ein Sammeltopf unterschiedlichster Ursachen und damit auch therapeutischer Beeinflussungen.
Bei den genetischen Defekten der Insulinwirkung oder der ß-Zelle oder anderen genetischen Syndromen steht die Behandlung der Grundkrankheit im Vordergrund. Die Heilungsaussichten von vielen dieser Erkrankungen sind leider auch heute noch nicht gegeben. Der Diabetes ist ein weiteres zusätzliches Symptom. Eine gute Blutzuckereinstellung ist geboten, um das Allgemeinbefinden nicht weiter zu verschlechtern und keine weiteren Beeinträchtigungen hervorzurufen. Eigene Erfahrungen zeigten bei einer jungen, sehr tapferen und von ihrer Familie gut behüteten Frau mit einem Alström-Hallgren-Syndrom, dass diese progressive genetische Erkrankung nicht behandelt werden konnte. Sie verstarb mit Anfang 20 Jahren an den Folgen dieser seltenen Erkrankung.
Eine bessere therapeutische Chance haben Patienten mit Endokrinopathien (III D). Die Ursache des Diabetes ist die häufig ein operabler Tumor. Sofern die Grundkrankheit behandelt werden kann, wird auch die Hyperglykämie beseitigt werden. Derartige Diagnosen sind u.a. das Phäochromozytom oder die seltene Akromegalie, deren Ursache ein gutartiger Tumor der Hypophyse im Gehirn ist.
Einige Worte zu der Gruppe, Drogen- und Chemikalien ausgelöster Diabetes (III E). In vielen Fällen werden Medikamente in der Behandlung der entsprechenden Grundkrankheit zwingend erforderlich – so u.a. Steroide (z.B. bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Lungenerkrankungen) oder auch Protaseninhibitoren (z.B. Behandlung von AIDS). Hier stellt sich sicher nicht die Frage, ob sekundär dadurch ein Diabetes mellitus ausgelöst wird. Dieser muss schlicht mit den gängigen diabetologischen Therapiemöglichkeiten bestmöglichst eingestellt werden. Ein Absetzen der „Noxe“, um einen Diabetes durch Vernachlässigung der Behandlung der Grundkrankheit zu vermeiden, wäre geradezu sträflich.
Diabetes durch Umweltgifte könnte vermieden werden!
Dazu zählt zum Beispiel das Pestizid Vacor (Pyrinuron, Pyriminil) ein Rodentizid zur Bekämpfung von Nagetieren, das 1976 in den USA vom Markt genommen wurde. Leider ist es in anderen Ländern noch im Einsatz. So wird noch 1999 und auch aktuell über den Einsatz dieses Pestizides im asiatischen Raum berichtet, um z.B. gegen die Graurötelmaus vorzugehen.
Auch die „Pille“ – orale Kontrazeptiva sind nicht ohne und können einen Diabetes auslösen.
Relativ unbedenklich wird in der Fachwelt die Gabe von sogenannten oralen hormonalen Kontrazeptiva mit niedrigen Hormondosierungen (z.B. Ethinylestradiol < 0,05 mg) gesehen. Bei Kombinationspräparaten mit hohen Dosierungen bestehen bei manifestem Diabetes Kontraindikationen und es kann auch ein bisher nicht bestehender Diabetes ausgelöst werden. Bevor Frauen also zur Pille greifen, sollten sie sich hinreichend beim Gynäkologen und Internisten mit diabetologischer Erfahrung beraten lassen.
Einige Entwässerungspillen sind Diabetes auslösend!
In der Behandlung des Bluthochdrucks wird vor allem in Deutschland der Einsatz der Diuretika (Entwässerungsmittel) Thiazide an erster Stelle der Behandlung propagiert - offensichtlich vornehmlich wegen des geringen Preises. Aber für die Thiazide gilt, dass sie einen latenten Diabetes zum Ausbruch bringen und einen bestehenden Diabetes in seiner Stoffwechselführung verschlechtern können. Es gibt Blutdrucksenker (Antihypertensiva) mit deutlich geringeren Nebenwirkungen. Diese sind allerdings zu Beginn der Behandlung etwas teuerer als die seit Jahrzehnten auf dem Markt verfügbaren Thiazide.
Kurze Zusammenfassung:
Sofern Medikamente empfohlen werden oder genommen werden wollen (z.B. Antibabypille, Blutdrucksenker) empfiehlt es sich, mit dem behandelnden Arzt über Vorteile, Risiken und Nebenwirkungen zu sprechen. Der Arzt sollte wissen, ob ein Diabetes bekannt ist oder Diabetesfälle bei Verwandten ersten Grades (Eltern, Geschwister).
IV. Gestationsdiabetes (GDM)
GDM ist ein während der Schwangerschaft auftretender, bisher nicht bekannter Diabetes. Als Ursachen werden die massiven hormonellen Veränderungen und/oder auch eine Anlage zur späteren Diabetesentwicklung angesehen.
Bei jeder Schwangeren sollte frühzeitig und in regelmäßigen Abständen auf eine Blutzuckererhöhung untersucht werden. Die Gefahren eines erhöhten Blutzuckers bei der werdenden Mutter übertragen sich komplett auf den sich entwickelnden Embryo. Sofern der Blutzucker nicht vollständig im Normbereich liegt, können Fehlbildungen, Missbildungen aber auch massive Geburtsprobleme entstehen. Eine sehr einfache Hauptursache liegt darin begründet, dass der erhöhte Zucker der werdenden Mutter auf den sich entwickelnden Säugling, jedoch nicht das mütterliche blutzuckersenkende Hormon Insulin, übertragen wird.
Wenn Zucker im Urin festgestellt wird, aber Blutzuckermessungen nicht eindeutig erhöht sind, ist in der Regel ein Zuckerbelastungstest (oGTT) durchzuführen. Um keine falschen Ergebnisse zu erhalten ist es zwingend erforderlich, dass mindestens 3 Tage vor dem Zuckerbelastungstest, die Schwangere ausreichend Kohlenhydrate verzehrt (ca. 250 g Kohlenhydrate am Tag). Dazu zählen: Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis, Obst, Marmelade, aber auch fettarmer Kuchen und Kekse. Unzureichendes Essen von Kohlenhydraten vor dem Zuckerbelastungstest ist die häufigste Ursache für eine falsche Interpretation des oGTT.
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